Forschung

Der Reichtum der Epochen und Gattungen und die wechselvolle Geschichte des Hauses bieten vielfältige Möglichkeiten für Forschungsprojekte. Regelmäßig werden Sammlungskonvolute, darunter auch Künstlernachlässe, kunsthistorisch aufgearbeitet und einzelne Aspekte der Museums- und Sammlungsgeschichte neu beleuchtet.

Lehr- und Vorbildersammlung

Dr. Sylvia Martin

An den Kunstmuseen Krefeld hat sich eine Lehr- und Vorbildersammlung erhalten, die um 1900 von dem ersten Direktor des Kaiser Wilhelm Museums angelegt wurde. Es handelt sich hierbei um rund 250 Sammelkästen und rund 4000 Medienobjekte, das heißt um Reproduktionen aus den Bereichen Malerei, Plastik, Architektur und Kunstgewerbe. Jede Reproduktion wurde auf Karton aufkaschiert und in eine kunstgeschichtliche, chronologische Ordnung überführt. Mit enzyklopädischem Anspruch spannt sich eine analoge Bilddatenbank von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf. Die Lehr- und Vorbildersammlung entstand zur Blütezeit dieses visuellen Vermittlungsformates, das sich vor allem aus dem Kontext der Kunstgewerbemuseen entwickelt hat. Sie speist sich daher aus unterschiedlichen Quellen (Verlage, Buchhändler, Fotostudios) und spiegelt entsprechend das vielfältige mediale Bild der Jahrhundertwende.

Fotografische Reproduktionen von den Fratelli Alinari, von James Anderson, Giacomo Brogi oder Giorgio Sommer sind ebenso vertreten wie handgefertigte Musterbögen, die als Vorlagen für Vorsatzpapier dienten. Die Lehr- und Vorbildersammlung war zentraler Teil des Bildungsprogramms, dem sich das Kaiser Wilhelm Museum als Museum für Kunst- und Kunstgewerbe mit seiner Gründung 1897 verschrieben hat. Der Videokünstler Marcel Odenbach ist eingeladen, sich anlässlich des Sammlungssatelliten #6 mit der Lehr- und Vorbildersammlung künstlerisch auseinanderzusetzen. Die Ausstellung ist vom 12. November 2020 bis zum 16. Mai 2021 auf der ersten Etage des Kaiser Wilhelm Museums zu sehen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses vergessenen Kulturgutes geht der Funktion und dem Gebrauch der Lehr- und Vorbildersammlung nach. Die Sammlung wird in den Kontext der damaligen Museumskonzeption gestellt und auf ihr medienreflexives Potential hin untersucht. Welche Haltung der damalige Direktor Deneken gegenüber dem immer noch als neu angesehenen Medium Fotografie einnahm und welche Rolle diese im Ausstellungs- und Museumsprogramm spielte, sind weitere Aspekte, die angesprochen werden. Die Ergebnisse der Untersuchung fließen in die Publikationsreihe der Sammlungssatelliten ein.

Die Stiftung der Sparda-Bank West ist Partner der Reihe Sammlungssatelliten.

Fotograf unbekannt   
Raphael, Villa Farnesina, Rom   
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Fotograf unbekannt
Raphael, Villa Farnesina, Rom
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Foto Giorgio Sommer   
Torso der Psyche, Neapel   
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Foto Giorgio Sommer
Torso der Psyche, Neapel
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Fotograf unbekannt   
Akropolis, Griechenland   
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Fotograf unbekannt
Akropolis, Griechenland
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Foto Brüder Alinari   
Asiatische Gefäße, Musée National du Louvre, Paris   
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900
Foto Brüder Alinari
Asiatische Gefäße, Musée National du Louvre, Paris
aus: Lehr- und Vorbildersammlung, um 1900

Zwischen den Seidenstädten: 100 Zeichnungen von Sonia Delaunay aus der Sammlung Robert Perrier

Waleria Dorogova

2019 erwarben die Kunstmuseen Krefeld ein 100 zeichnerische Arbeiten umfassendes Konvolut der russisch-französischen Künstlerin Sonia Delaunay (1885-1979). Die wissenschaftliche Erschließung dieses Bestandes wird durch das Förderprogramm „Forschungsvolontariat Kunstmuseen NRW“ unterstützt durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, ermöglicht und im Zuge eines zweijährigen Forschungsprojektes im Zeitraum 2020-2022 realisiert.
Es handelt sich um 100 Arbeiten unterschiedlicher Formate und Technik auf Papier, welche Delaunay im Zuge ihrer umfangreichen Beschäftigung mit Textildruck- und Modedesign zwischen den 1920er und den frühen 1940er Jahren schuf. Diese gingen zu Beginn der 1940er Jahre als Teil eines Konvolutes von insgesamt 1244 Zeichnungen aus dem Pariser Werkstattbestand der Künstlerin an den Lyoner Seidenindustriellen, Musiker und Kunstsammler Robert Perrier (1898-1987) über.

Das Krefelder Konvolut zeichnet sich durch seine große zeitliche Brandbreite und damit einhergehend durch Varietät in Motivik und Zweckbestimmung aus: Es reicht von Arbeiten für Delaunays eigene Firma „Tissus Delaunay“ und ihre Marke „Tissus Simultané“ (späte 1920er Jahre) über experimentelle Form- und Farbstudien bis zu Vorstudien für Auftragsarbeiten für verschiedentliche Stofffabrikanten und einen Auftrag durch Perriers eigene Firma im Jahr 1942. Das Konvolut bietet einen Querschnitt durch ihr Repertoire und durch die Stadien ihrer Arbeitsprozesse.
Die bislang wissenschaftlich nicht aufgearbeiteten Zeichnungen werden im Hinblick auf Autorschaft und Datierung untersucht und mit Sonia Delaunays übrigem Werk im Bereich des Textildesign kontextualisiert. Weiterhin gilt es, ihre experimentelle Herangehensweise an Form, Farbe und optische Bewegung in den Blättern zu erschließen und zu bewerten, wie die Zeichnungen Delaunays veränderlichen Umgang mit einer abstrakten Formensprache und Gegenständlichkeit wiedergeben. Das Projekt schließt eine signifikante Lücke in der Erforschung der Auseinandersetzung Sonia Delaunays mit dem textilen Medium der 1930er und frühen 1940er Jahre. Überdies gilt das Augenmerk auch dem Industriellen Robert Perrier als Sammler.
​Die Bedeutung des Konvolutes für die Kunstmuseen Krefeld geht über die Bedeutung Sonia Delaunays als einer der wichtigsten Künstlerinnen der klassischen Moderne hinaus. Es schafft einen Rückgriff auf das ursprüngliche Sammlungskonzept des Hauses, das 1897 als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründet wurde – und dies nicht zuletzt in einer Stadt, die internationale Bekanntheit als Zentrum künstlerischen Textildesigns genoss und lange Zeit als Konkurrent Lyons im Bereich der industriellen Seidenherstellung galt.

Sonia Delaunay, Entwurf 945, nach 1925
Sonia Delaunay, Entwurf 945, nach 1925
Sonia Delaunay, Entwurf S.G. 121 bis, 1942
Sonia Delaunay, Entwurf S.G. 121 bis, 1942
Sonia Delaunay, Entwurf 1011, 1924-25
Sonia Delaunay, Entwurf 1011, 1924-25

Bestandsprüfung der Gemälde der Zugangsjahre 1946-1970

Zum ersten Mal haben die Kunstmuseen Krefeld mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in einem zunächst einjährigen Projekt eine Bestandsprüfung ihrer Gemälde durch eine systematische Provenienzrecherche vorgenommen. Diese erfolgte im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998 und insbesondere in Hinblick auf möglicherweise NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke.
Das Projekt untersuchte die Herkunft der Gemälde der Zugangsjahre 1946 bis 1970. In dieser Zeit gelangten zentrale Werke der Klassischen Moderne – größtenteils über den deutschen Kunsthandel – in die Sammlung. Das Kaiser Wilhelm Museum hat einen großen Teil der seit den 1920er Jahren aufgebauten modernen Sammlung bis 1942 verloren, insbesondere durch Beschlagnahmung im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst".

Der 1947 als Direktor berufene Paul Wember bemühte sich, die Lücken in der Klassischen Moderne wieder zu schließen und erwarb Gemälde und Grafiken, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind und deren Provenienz Lücken aufweist. So hatte zu Beginn des Projektes für die Zugangsjahre 1946 bis 1970 der Großteil der Objekte eine unklare Herkunft. Untersucht wurden insgesamt 121 Gemälde. Knapp die Hälfte dieses Bestandes konnte durch die Recherchen als zweifelsfrei unbedenklich eingestuft werden. 69 Werke weisen weiterhin keine geschlossene Provenienzkette auf. Dies liegt überwiegend daran, dass es sich hierbei um eher unbekannte Künstler handelt, zu denen nur sehr wenige Informationen vorliegen, die diese Lücken nicht schließen können. Als bedenklich im Sinne eines möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzugs wurde keines der untersuchten Werke eingestuft. Eine Ausnahme bildet das 1917 entstandene Gemälde „Wirtshaus“ von Heinrich Campendonk, das sehr wahrscheinlich aus der Sammlung des jüdischen Fabrikanten Alfred Hess stammt. Das Gemälde wurde im Rahmen des Projekts umfassend untersucht, ohne dass jedoch die Provenienzkette bislang lückenlos geschlossen werden konnte, die Ergebnisse hier sind noch offen.
Ab Juni 2020 ist ein eigener Raum innerhalb der neuen Sammlungspräsentation im Kaiser Wilhelm Museum der Provenienzforschung gewidmet. Methoden, Ziele, Ergebnisse und Fragen der Provenienzforschung werden anhand ausgewählter Werke des untersuchten Bestandes vorgestellt und für das Publikum aufbereitet.

Max Liebermann, Judengasse in Amsterdam, 1905
Max Liebermann, Judengasse in Amsterdam, 1905
Johan Baptist Joseph Bastiné, Bildnis des Kanonikus Joseph Finken, Aachen, 1815
Johan Baptist Joseph Bastiné, Bildnis des Kanonikus Joseph Finken, Aachen, 1815
Ernst Ludwig Kirchner, Die Familie, 1927/28
Ernst Ludwig Kirchner, Die Familie, 1927/28