Zwischen Musik, Performance und Klangkunst - 1952 bis heute
 

 

John Cage, 4'33" (1952); Version für Klavier mit David Tudor

John Cages 4'33" ist eine Komposition, bei der das Publikum, der Raum und die Präsenz des Augenblicks zu Ausführenden werden. Das Werk in seiner ursprünglichen Fassung besteht aus einer Inversion der klassischen Aufführung eines Klavierstücks. Mehrere Etappen vermeintlicher Stille werden vom Schließen und Öffnen des Tastaturdeckels gerahmt. Durch diesen rituellen Akt wird eine Situation geschaffen, in der sämtliche Klänge und Geräusche eines Ortes – außer der lediglich angedeuteten Instrumentalmusik – das Werk konstituieren. (Caspar Großmann)

Jacques Brissot, Objets animés (1960)

 
Für diesen Experimentalfilm arbeitete Jacques Brissot mit seinem Künstlerkollegen Arman sowie mit Pierre Schaeffer, dem Initiator der Pariser Musique concrète, zusammen. Zu den Klängen Schaeffers sieht man hier unter anderem Armans Allures d'objets, die aus farbigen Abdrucken von Dingen auf Leinwand oder Papier bestehen. (Marcus Erbe)

György Ligeti, Poème symphonique (1962)

Dieses rein perkussive Stück inszeniert einen rhythmischen Komplexitätsabbau mit Hilfe von 100 handelsüblichen Metronomen: Eine anfänglich dichte Geräuschwolke löst sich nach und nach in das einsame Ticken eines einzelnen mechanischen Taktgebers und schließlich in Stille auf. Inspiriert von der Fluxus-Bewegung mit ihren improvisierten oder komponierten Geschehensabläufen versetzt Ligeti – unzweifelhaft mit einem Augenzwinkern – ein unerbittliches Hilfsobjekt des klassischen Musikunterrichts in den Status eines autonom konzertierenden Instrumentes. (Marcus Erbe)

Delia Derbyshire, Pot au Feu (1968)

Entstanden im BBC Radiophonic Workshop, ist Pot au Feu ein gleichermaßen gegenständliches wie musikalisch-abstraktes elektroakustisches Werk. Von unheimlichen Klängen und faszinierender Rhythmik angetrieben, vermag das Stück eine Art Paranoia beim Zuhören auszulösen. Es gehört zur Reihe der sog. Attic Tapes, bei denen es sich um rund 300 unveröffentlichte Tonbänder Derbyshires handelt, die nach ihrem Tod auf ihrem Dachboden gefunden wurden. (Chiara di Prima)

Pauline Oliveros, Sonic Meditations (1971); Wiederaufführung 2017

In der Performance wird das Konzept des Deep listening, eines sehr bewussten Zuhörens bzw. Lauschens praktiziert und trainiert. Die Teilnehmer:innen treten nacheinander in einen Raum ein, wo sie von den bereits anwesenden Menschen mit dem chorischen Singen einer Note begrüßt werden. Im Verlauf dieses Gesangs nähern sich alle Personen einander an und schaffen somit einen ephemeren Klangkörper. Die individuellen Noten oszillieren in der Frequenz, bis sie schließlich harmonisch zusammenkommen. (Caspar Großmann)

Charlotte Moorman spielt auf Nam June Paiks TV cello (1976)

1976 wurden Nam June Paik und Charlotte Moorman von John Kaldor eingeladen, ein öffentliches Kunstprojekt auf die Beine zu stellen. Im Zuge dessen spielte die Cellistin Moorman auf dem von Paik gefertigten TV cello. Diese Skulptur setzt sich aus drei Fernsehern mit durchsichtigen Plexiglaskörpern zusammen. Entlang der Bildschirme ist ein Cellosteg angebracht. Der Auftritt verband Plastik, Videokunst, Performance und Musik in einer nahezu zweistündigen Aufführung, von der hier ein kleiner Ausschnitt zu sehen ist. (Jakob Schalm)

Reiner Ruthenbeck, Schwarz/weisse Doppelfahne (1985/88)

Die schwarz/weisse Doppelfahne ist als Stoffplastik zwar kein vornehmlich akustisches Werk, sondern in erster Linie visuell angelegt. Aber je nach Windstärke lässt sich das Schlagen und Knallen der Flagge deutlich vernehmen. Zudem erzeugt das Seil Geräusche, wenn es gegen den Fahnenmast schlägt. Derzeit ist Ruthenbecks Doppelfahne im Köller-Müller Museum in Otterlo (NL) zu sehen. (Sevgi Ciftci)

Eliane Radigue, Jetsun Mila (1986/2007)

Éliane Radigue war Schülerin und später Assistentin von Pierre Schaeffer und Pierre Henry in Paris. Ausgehend von der Musique concrète erlernte sie dort die elektroakustische Komposition. Mitte der 1970er Jahre lebte sie in New York, suchte die Nähe zu den New Yorker Minimalisten und wurde Buddhistin. Anfang der 1980er Jahre beschäftigte sie sich intensiv mit dem buddhistischen Meister Milarepa, dem sie eine Serie von Kompositionen widmete. Insgesamt wurden drei Aufnahmen veröffentlicht, von denen Jetsun Mila die letzte ist und 2007 wiederaufgelegt wurde. (Sevgi Ciftci)

Christina Kubisch, Circles III (1987)

Einzelne Querflötentöne, hervorgebracht von der Klangkünstlerin und Komponistin Christina Kubisch, werden mit verzerrten und brummenden Klangereignissen nach Maßgabe der Obertonreihe versetzt. Eine nahezu meditative Stimmung, geprägt von Spannung und Auflösung, entsteht, während das Querflötenspiel mehr und mehr zurückweicht. In einem flirrenden Zwischenteil gewinnt das Instrument wieder die Oberhand. Danach verschmelzen instrumentale, vokale und elektronische Bestandteile lebhaft bewegt zu einer Einheit und münden schließlich in ein sanftes Ende, das vom Obertongesang Roberto Laneris geprägt ist. (Friederike Floren)

Hildegard Westerkamp, Breathing Room (1990)

Hildegard Westerkamp ist eine zentrale Figur der akustischen Ökologie und wichtige Vertreterin der Soundscape-Komposition. Ihr Miniaturstück Breathing Room fokussiert die menschliche Atmung, die hier in langsamen und gleichmäßigen Zügen meditationsartig hörbar wird. Parallel zur Atmung treten zu Beginn Naturklänge wie Vogelgesang, Wassergeplätscher und klirrende Windspiele in Crescendi und Decrescendi auf. Späterhin wird eine bedrohlich wirkende Komponente durch monoton klopfende, herzschlagähnliche Impulse eingeführt, bis die gesamte Klanglandschaft aus körpernahen und körperfernen Schallereignissen in einem behutsam ausgeführten Decrescendo verstummt. (Janina Puschmann)

Anke Eckardt, “!” (2009)

Die Künstlerin und Toningenieurin Anke Eckardt stellt in ihrer audiovisuellen Skulptur "!" einen angeleuchteten quadratischen Tank mit dunkel eingefärbtem Wasser in den Raum. Aus den Lautsprechern, die um den Tank herum angebracht sind, ertönt ein immer höher werdender Ton, der mit einem Subbass-Schlag endet, eine Eruption des Wassers auslöst und so eine runde Welle inmitten des Behälters erzeugt. Das aus dem Becken spritzende Wasser färbt den umliegenden Fußboden ein und führt zu einem Action Painting. Auf diese Weise versucht Eckardt, ein synästhetisches Erlebnis zu schaffen. (Paula Wiedenfeld)

Susan Philipsz, Lowlands (2010)

Das Klagegedicht Lowlands Away aus dem 16. Jahrhundert erzählt die Geschichte einer ertrunkenen Frau, die als Geist zurückkehrt und um ihren noch lebenden Geliebten trauert. Susan Philipsz vertonte 2010 drei verschiedene Versionen des Gedichts und beschallte mit ihnen drei benachbarte Brücken in Glasgow. Jede Version erklang unter einer anderen Brücke. Für die Zuhörenden stets simultan präsent, versinnbildlichten die drei Aufnahmen die 'körperlose' Stimme des Geistes aus der Ballade. Zusätzlich sollten sie den 'stimmlosen' Obdachlosen Glasgows, die unter den Brücken leben, eine Stimme geben. Philipsz gewann für die Installation den renommierten Turner Preis. Kunststudierende kritisierten die Entscheidung der Jury: Lowlands sei weder Musik noch Kunst. (Eric Sommer)

Camille Norment, Rapture (2015)

Die musikalische Aufführung von Rapture ist Teil der gleichnamigen Installation. Camille Norment spielt eine Glasharmonika, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Benjamin Franklin erfunden wurde und 'ätherische' Klänge durch Berührung von Glasglocken mit nassen Fingern erzeugt. Norment performt mit David Toop, der sie mit elektronischen Drones und einer Querflöte unterstützt. Hinzu treten in den Raum projizierte Vokalklänge, auf die mit der Glasharmonika reagiert wird. In Kombination mit der Installation soll die Performance eine Verbindung zwischen historischen Entwicklungen und den Unwägbarkeiten der heutigen Zeit schaffen. (Caline Ley)

Julia Scher, Lip Sync 2015 (2016)

 
Im Stil eines TikTok-Videos ahmt Julia Scher inmitten unscheinbarer Bürogänge den Gesang zum Song Wrecking Ball von Miley Cyrus nach. Nach und nach verwandelt sich das Video von einer humoresken Selbstinszenierung in eine Verfolgungsjagd. Dabei klaffen die Tonebene mit dem poppigen Lied und die Bildebene mit der zunehmend von Angst überkommenen Performerin auseinander. Die Ambivalenz zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und dem Kontrollverlust durch Überwachung sowie zwischen geschützter Privatsphäre und Allzugänglichkeit im öffentlichen Raum wird offenbar. (Ieva Akule)

Carsten Nicolai, reflektor distortion (2016)

Von parabelförmigen Spiegeln inspiriert, besteht die Installation reflektor distortion aus Neonlichtern, die Licht auf ein rotierendes, mit Wasser gefülltes Becken werfen, wobei das Wasser mittels Zentrifugalkraft bewegt wird. Die Krümmung und Verzerrung der Spiegelungen auf der Wasseroberfläche verändern sich durch integrierte Widerstände sowie durch die Geschwindigkeit der Bewegung. Gleichzeitig wird das Wasser von Lautsprechern, die tiefe, resonante Frequenzen abspielen, verzerrt. Die Spiegelung der Wasseroberfläche enthüllt die Realität als verzerrte Reflektion und wirft die Frage auf, ob unsere visuelle und akustische Wahrnehmung nicht immer Verzerrungen unterworfen ist. (Paul Peters)

Alba Fernanda Triana, Music for Four Resonators (2016)

Diese Komposition für Streichquartett lässt eine völlig neue Stimme erklingen: die Stimme der nicht berührten Klangkörper. Es gleicht dem Tanz zweier Individuen, die miteinander tanzen, ohne sich zu berühren. Ein Individuum in dieser Konstellation ist eines der vier Streichinstrumente, das andere die Komponistin, die den Resonanzkörper des Instruments nicht mittels Bogenstrich oder Zupfen zum Klingen bringt, sondern – wie es das Video exemplarisch zeigt – durch eine gänzlich andere Spieltechnik auf der Grundlage mikrophonischer Verstärkung. Infolge des weitgehenden Berührungsverzichts wird der inhärente 'Gesang' der Streichinstrumente offenbart. Triana bzw. die ausführenden Musiker:innen untermauern durch das Werk auch die Vorstellung, dass alle physischen Körper vibrieren. (Lisa Brinker)

Shadwa Ali, Magic Sand (2017)

Diese interaktive Installation besteht aus einer schwarzen Metallkiste, auf deren Oberfläche Sand gestreut ist, und einer Lupe. Die Bewegung und damit auch die akustische Komponente des Werkes setzt ein, sobald sich die Betrachter:innen darauf zubewegen, und endet, wenn sie sich wieder entfernen. Die Lupe lädt dazu ein, sich die Menge des Sandes auch im Detail anzusehen. Das Werk thematisiert damit die Möglichkeit, ein Phänomen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten (z. B. Sand als Menge versus Sand als Vielheit). (Katharina Makosch)

Julia Mihály, PFLANZEN Studie 1 (2022)

Zu einem Video, in dem – kunstvoll inszeniert – ein Mischwald gezeigt wird, sind Klänge zu hören, die durch den Einsatz von Sensoren an einer Kokospalme gewonnen werden konnten. Es handelt sich hierbei um Impulse von Biodaten aus der Wasserzirkulation der Pflanze, die anschließend digitalisiert und somit hörbar gemacht wurden. Die rhythmischen Strukturen sind den ersten drei Stücken von Béla Bartóks 44 Duos für zwei Violinen (1931) nachempfunden. (Sven Ossendorf)